Eine Nonne beim Casting

„Sister Act“ ist in der Wirklichkeit angekommen – in der Wirklichkeit einer Casting-Show: Schwester Cristina Scuccia, eine fünfundzwanzig Jahre alte Nonne aus einem Ursulinenkloster, trat beim italienischen Ableger der Casting-Show „The Voice“ auf. Sie sang „No one“, von Alicia Keys, und landete damit einen Hit auf YouTube.

Das folgt offenbar einer gewissen Casting-Show-Logik. Paul Potts, der britische Tenor, wurde ebenfalls durch eine Casting-Show berühmt, gerade weil er nicht dem Bild eines Pop-Stars entsprach – und zweifelsohne sang er gut. Andreas Kümmert wäre hier zudem als letzter Gewinner der deutschen Ausgabe von „The Voice“ zu nennen. Auch er mit Talent, aber nicht mit dem typischen Aussehen eines ‚Stars‘, er passte eigentlich nicht, und genau deshalb passte er besonders gut. Und nun, einer ähnlichen Logik folgend, eine Schwester im Ordens-Habit.

Auf einem Blog des „Telegraph“ ist Cristina Odone optimistisch, was dieses Zusammenspiel von Populär-Kultur und Kirche angeht. Der Papst habe mit seiner breiten Anziehungskraft bereits eine Brücke geschlagen. Schwester Cristina begeistere mit ihrer fröhlichen Art, mit ihrem Optimismus, den sie versprühe. Sie übernehme die Rolle einer Evangelistin, die gerade dorthin müsse: In die ‚Welt‘, mit tätowierten Rappern und weiblichen Stars, die aufreizen, die sexuelle Phantasien wecken. Schwester Cristina könne gerade dadurch im Sinne ihrer Kirche wirken.

Werner Kleine erläutert auf dem Blog Kath 2:30, Schwester Cristina begeistere, weil der Kontrast so groß sei. Sie trat im Habit der Klostergemeinschaft auf, war also sofort als Nonne zu erkennen. Dieser Kontrast, ein Habit in einer Casting-Show, machte den Auftritt interessant, das riss die Zuschauer schon nach wenigen Takten von ihren Sitzen, nicht zuerst ihre Darbietung. Genau hier, beim Habit, setzt Kleine jedoch seine Kritik an. Der Habit sei eben bloße Hülle, eine Äußerlichkeit. Zwar sei der Kontrast hilfreich, denn die Kirche solle eben Kontrast zur ‚Welt‘ sein. Doch der Kontrast lenke die Aufmerksamkeit hier allein auf die Äußerlichkeiten. Ob da denn noch mehr sei, fragt Kleine deshalb zweifelnd.

Bersarin, der auf seinem Blog Aisthesis kürzlich über Pop geschrieben hat, wirft einen grundlegenden Blick auf diese Phänomene. Pop, in allen seinen Formen, verbleibt in den Äußerlichkeiten; Pop sei eben Warenwelt. Wie Mode als Gegenmode zwar protestiere, aber doch im Rahmen bleibe, denn auch eine Gegenmode ist eine Mode. Da ist kein wahres Leben im falschen. Und so führt kein Weg vom Habit weg, wie Werner Kleine es sich wohl wünschen würde.

Die „Botschaft“ von Schwester Cristina ist ihr Habit. Würde sie ihn ablegen, würde sie vermutlich nicht weiter auffallen, wie auch Kleine mutmaßt. Wie lange dieser Kontrast trägt, ob Schwester Cristina weiterhin Begeisterung entfachen kann, wird sich im Laufe der Casting-Show zeigen. Jetzt hat sich bereits gezeigt, wie schmal der Grad ist, den Schwester Cristina geht. Sie warte auf einen Anruf des Papstes, sagte sie. Eitelkeit, sagt Kleine dazu und die gehört in die Logik des Popbusinessʼ, eher nicht in die Logik der Kirche.

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