Kirche und Gesellschaft: Der Katholikentag in Regensburg

In Regensburg fand der Katholikentag statt. Ein Großereignis mit zahlreichen kleinen Veranstaltungen zu verschiedenen Themen, die die katholische Kirche derzeit umtreibt. Der sexuelle Missbrauch in katholischen Einrichtungen war das heißeste Eisen, das in wenigen Veranstaltungen angefasst wurde, aber auch die Sexualmoral, die finanzielle Intransparenz der Bistümer, und die grundlegende von Papst Franziskus neu angestoßene Debatte zu Geld und Macht der Kirche, sind Themen, die viele Menschen bewegen. Es geht um Kirche und Gesellschaft. Wie wirkt die Kirche in die Gesellschaft hinein? Wie passt sie sich an? Wo muss sie eine ganz andere Position wahren?

Thorsten Hild schreibt auf Wirtschaft und Gesellschaft über eine Rede Joachim Gaucks auf dem Katholikentag und über eine Diskussionsveranstaltung, bei der Gauck ebenfalls teilnahm. Themen waren unter anderem die Ökumene und das Engagement der einzelnen Christen. Hild stellt die Widersprüche in Gaucks Äußerungen heraus. Einerseits betone Gauck die „Zumutungen“ der kirchlichen Botschaft, die den Schwachen ins Recht setze, die Gerechtigkeit einfordere – unabhängig vom Ansehen einer Person. Andererseits spreche Gauck über die Eigenverantwortung des Menschen; darüber, dass der Mensch sein Leben selbst leben solle und nicht „gelebt werden“. Und zwar in einem Ton, als stünde es dem Menschen frei, dies zu entscheiden und nicht in dem Bewusstsein, dass Viele unfreiwillig in solche Notlagen kämen, in denen sie nicht mehr in der Lage sind, „ihr Leben zu leben“. Der Kern des Spruches „Not lehrt Beten“ bestünde in einer Ausrede für den Menschen, nicht selbst angepackt zu haben. So urteile Gauck.

Besonders erschüttert ist Hild darüber, dass der Protest ausblieb. Die Äußerungen Gaucks wurden nicht als „Skandal“ gewertet, sie blieben weitgehend unwidersprochen. Offenbar fehle es auch in der katholischen Kirche an kritischen Stimmen, die die kirchliche Botschaft gegenüber solchen Inanspruchnahmen verteidigten.

Das Thema des Reichtums ist hier berührt. Wie kann eine so reiche Kirche glaubwürdig die Armen und Schwachen vertreten? In Papst Franziskus sind diese Widersprüche vereint, er hat das Thema wieder in den Mittelpunkt gerückt. Und natürlich, der als „Protzbischof“ betitelte Tebartz van Elst aus Limburg tritt vielen ins Gedächtnis.

Auf dem Blog des Bundes der katholischen Jugend wird der Essener Generalvikar Klaus Pfeffer wiedergegeben, der auf dem Katholikentag gesprochen hat. Mehr Transparenz sei notwendig und eine größere Zusammenarbeit der einzelnen Diözesen und unterschiedlichen kirchlichen Träger. Teilweise gingen die Auffassungen zu Finanzfragen und der Frage, was eine angemessene Offenlegung der Finanzen sei, stark auseinander. Es gelte die zahlreichen Kirchenaustritte zu verstehen. Und woher rührt der große Zorn? Diese Frage sei ernst zu nehmen.

Die Wut der einzelnen Christen müsse der Kirche zu denken geben. Das wäre also ein Schritt auf die Menschen zu, die wütend darüber sind, wie die katholische Kirche mit bestimmten Problemen umgeht. Intransparenz, ja Vertuschung ist vor allem auch ein Vorwurf, der den Umgang der Kirche mit dem sexuellen Missbrauch betrifft.

Auf regensburg-digital wird über eine Veranstaltung berichtet, auf der es um dieses Thema ging. Zunächst sprach dort Klaus Mertes, der die Aufklärung des Missbrauchs am Berliner Canisius-Kolleg angestoßen hatte. Seine Rede, die nur fünfzehn Minuten dauerte, wurde mehrfach von Applaus unterbrochen. Der Schutz der katholischen Kirche, so Mertes, stehe noch immer über dem Schutz der Opfer. Die Institution gehe vor, der Mensch komme danach. Die Machtstrukturen und die Sexualmoral der katholischen Kirche müssten dringend geprüft werden. Noch zu oft würden die Opfer des Missbrauchs erneut Opfer – der Vertuschung. Scharfe Worte, die offenbar den Kern trafen!

Kirche und Gesellschaft: Hier entzünden sich derzeit die großen Konflikte, und hier, so scheint es, fühlen sich viele deutsche Katholiken nicht mehr verstanden. Ganz anders schreibt zum Beispiel Norbert Bauer über den Katholikentag. Er berichtet von der Diskussion eines Buches, das den Zusammenhang des jüdischen Festes Jom Kippur und dem frühen Christentum theologisch ausleuchtet und deutet. Theologie und Kirchengeschichte – kein Kabarett, kein Ausdruckstanz, wie Bauer erleichtert feststellt. Manchmal könne es so scheinen, als seien die Theologen gar nicht mehr nötig, sondern es bedürfe allein charismatischer Redner, Trainer, Coachs. Doch es bedürfe genau dieser reflexiven Auseinandersetzung mit den theologischen Fragen: Hier, in der Auseinandersetzung mit dem jüdischen Fest Jom Kippur, werde ein neuer Blick auf die Versöhnung möglich. – Versöhnung, da steht die Theologie wieder mitten drin in den gesellschaftlichen Debatten.

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