Die Krautreporter wollen den Journalismus neu erfinden

"Krautproduktion" von Pirapakar Kathirgamalingam.

“Krautproduktion” von Pirapakar Kathirgamalingam.

Noch drei Tage läuft die Crowdfunding-Kampagne für das Projekt „Krautreporter“. Ehrgeizige 900.000 Euro wollen die Macher einsammeln, das entspricht 15.000 Mitgliedern, die jeweils 60 Euro für ein Jahr Mitgliedschaft bezahlen. Nur noch drei Tage, um knapp 7.000 Menschen für das Projekt zu begeistern, die, Stand heute, noch fehlen.

Die Krautreporter versprechen, mit ihrem Angebot einer Internetzeitschrift den Online-Journalismus zu „reparieren“. Denn der sei „kaputt“. Das Projekt wird von teilweise heftiger Kritik begleitet: Zu wenig Frauen in der Redaktion und gar keine Migranten, schlechte technische Umsetzung der Internetseite, Bezahlung nur mit Kreditkarte und mittlerweile Paypal.

Das Vorbild für diese deutsche Online-Zeitschrift ist ein Projekt aus den Niederlanden, „De Correspondent“, dem es in kurzer Zeit gelang, eine solche gewaltige Summe durch Crowdfunding einzutreiben. Doch in Deutschland scheint der Funke nicht überzuspringen. Don Alphonso schreibt, mittlerweile versuchten die Redakteure eher sich in Sicherheit zu bringen, da sie das Scheitern fürchten. Vor allem die Logik der gesamten Kampagne irritiert ihn. So ist er sich sicher, die Redakteure, wenn die Krautreporter beerdigt seien, wieder in anderen Redaktionen und Medienhäusern zu entdecken. Obwohl doch der Online-Journalismus kaputt sei. Folgerichtig wäre es, so schreibt er, sie würden bald anderen Tätigkeiten nachgehen, Immobilienmakler in München seinetwegen.

Thomas Knüwer findet die Idee der Krautreporter großartig: ein offener Online-Journalismus, der allein durch seine Mitglieder finanziert wird. Doch seine wesentliche Kritik betrifft die Attitüde der designierten Mitarbeiter. Da brenne nichts, da sei keine Begeisterung zu verspüren. Stattdessen würden teilweise große Worte verkündet, wie Tilo Jung, der in einem Werbevideo sagt, er habe manchmal das Gefühl, er sei der einzige, der auf einer Bundespressekonferenz noch Fragen aus Interesse stelle. Aber was die Krautreporter nun genau machen werden, sollten die 900.000 Euro zusammenkommen, das, kritisiert Knüwer, verraten sie nicht. Das sei eigentlich gar kein Crowdfunding, es gehe eher um das Einsammeln von Spenden für eine – gute – Idee.

Diese Art der Kritik findet Jens Rehländer unfair: meckern sei einfach. Macher seien gefragt! Er hätte sich gewünscht, die Kritiker hätten sich zurückgehalten, nicht wieder und wieder die gleichen Dinge durchgekaut. Allein der Idealismus, Rehländer folgend, habe allerdings nicht ausgereicht, um das Projekt erfolgreich zu finanzieren. Dass es in den letzten Tagen noch gelingen könnte, glaubt er nicht mehr. Ohne Marketingfachwissen sei ein solches Projekt nicht zu stemmen, und eine Ansammlung guter Redakteure mache noch keine gute Redaktion aus. Er hofft allerdings, ein ähnliches Projekt würde bald wieder gestartet, denn immerhin, die Summe, die bislang zusammengekommen ist, ist beeindruckend. Und sie zeigt auch, dass Online-Journalismus auf diese Weise finanziert werden könnte.

Timo Rieg wirft einen anderen Blick auf die Krautreporter. Zwar finde er die Idee gut, doch werde in dieser ganzen Debatte um die Krautreporter leicht übersehen, welche großartigen Online- und Printangebote es schon gebe. Rieg sieht das Problem überhaupt nicht in einem Defizit an Information. Es gebe zahllose Möglichkeiten sich zu informieren, sei es im Radio, im Fernsehen, in Zeitungen, Zeitschriften oder Online. Und es gebe mittlerweile zahllose Möglichkeiten, sich zu allen Fragen zu äußern. Gerade im Internet kann die eigene Meinung wieder in Form von Kommentaren zurückgegeben werden. Das Problem sei, dass all das vollkommen irrelevant sei. Alle Diskussionen über die Bebauung des Tempelhofer Feldes beispielsweise führten zu nichts, wenn am Ende die Möglichkeit übrigbliebe zwischen zwei Alternative zu wählen und ein Kreuzchen zu setzen. Rieg fehlt kein weiteres Medium, das die „Geschichten hinter den Nachrichten“ schreibt, ihm fehlt ein Diskurs, der tatsächlich ins Politische hineinwirkt.

Für die Krautreporter bleiben noch ein paar Tage – und dann, dann beginnt die Fußball-WM.

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