Der Absturz der Germanwings-Maschine und die Medien

Vor einer Woche stürzte ein Airbus der Fluglinie Germanwings in den französischen Alpen ab. 150 Menschen kamen auf dem Flug 4U-9525 ums Leben. Es ist eine Katastrophe, für alle Angehörigen der Toten eine Katastrophe von unvorstellbarem Ausmaß. Und seit einer Woche wird auf sämtlichen Kanälen über diese Katastrophe berichtet: Eine deutsche Fluglinie, zahlreiche deutsche Opfer und ein deutscher Copilot, der mutmaßlich für den Absturz verantwortlich ist. Das Interesse der deutschen Medien ist selbstverständlich sehr groß. Aber die Art und Weise, wie die Medien berichteten, sorgte erneut – ähnlich, wie bei dem Attentat auf Charlie Hebdo oder im Zusammenhang mit der Ukraine-Krise – für starke Verstimmungen.

Michael Kausch schreibt auf czyslansky über die Berichterstattung und die öffentlichen Reaktionen am letzten Dienstag vor allem im Internet und in den sozialen Medien. An vielen Orten war Entsetzen zu vernehmen, zum Beispiel in den Newslettern verschiedener Firmen, die den verbliebenen Angehörigen der Opfer ihr Beileid aussprachen, um danach beispielsweise auf ihre Produkte hinzuweisen. Die Grenzen zwischen einem geradezu zynischen Marketing, Beileidsbekundungen und Hilfsbereitschaft seien schwer zu ziehen. Auch die zahlreichen Kommentare zum Flugzeug-Absturz, zum Beispiel auf Twitter, die dem Schock Ausdruck verleihen sollten, wie ein „Oh mann, krass“, findet Kausch zweifelhaft. Er fragt, was für eine Kommunikation das sei und welchen Zweck sie habe.

Auf dem Blog reisen-fotografie wird die Rolle der traditionellen Medien stärker in den Blick genommen, vor allem die Dauersendungen am Dienstag, die sich auf den öffentlich-rechtlichen Sendern vom Nachmittag bis in den Abend zogen. Es wurde berichtet, obwohl es kaum etwas zu sagen gab. Fragwürdige Experten wurden herangezogen, die über die Gründe für den Absturz spekulierten und schamlos Bilder von den Trauernden gezeigt. Selbstverständlich gibt es ein großes öffentliches Interesse an der Flugzeug-Katastrophe. Und dieses Interesse wurde bedient, selbst wenn gar keine neuen Informationen zur Verfügung standen.

Im Laufe der letzten Woche kamen dann immer mehr Details ans Licht. Der rätselhafte Absturz fügte sich offenbar zu einer Geschichte um einen psychisch kranken Copiloten, der einen erweiterten Suizid beging. Indem der Copilot, Andreas L., in den Mittelpunkt rückte, veränderte sich die Berichterstattung. Ein „Sündenbock“ war gefunden, und sein Leben, seine Umgebung und seine Familie wurden von der Presse unter die Lupe genommen. Auf dem BILDBlog hat Mats Schönauer zahlreiche Entgleisungen, vor allem aus der Boulevard-Presse, zusammengetragen. Eindeutige Schuldzuweisungen wurden dort getätigt und teilweise Bilder des Copiloten veröffentlicht zusammen mit seinem Namen und dem Wohnort.

Dass nun in der Presse oftmals der vollständige Name des Copiloten zu lesen ist, hat Viele erstaunt. Ist das überhaupt zulässig? Ausführlich hat sich damit Steffen Kutzner auseinandergesetzt. Er geht die Passagen des Pressekodexʼ durch, die diese Frage berühren. Die großen Boulevardblätter aber auch einige seriöse Zeitungen haben auf ihre Weise Fakten geschaffen, indem sie den Namen nannten. Doch Kutzner kommt zu dem Schluss, dass in diesem Fall gegen den Pressekodex verstoßen wurde. Denn Beweise für die Schuld des Copiloten liegen nicht vor und seine Tat fand nicht in der Öffentlichkeit statt, alle direkten Zeugen sind mit ihm in den Tod gestürzt.

Gerhard Bliersbach schreibt, es sei nun bedeutsam, das „Narrativ“ des mutmaßlichen Suizids zu verstehen. Was ist darüber noch zu erfahren? Bliersbach lehnt jedenfalls die Kurzschlüsse ab, die eine möglichst einfach Erklärung liefern wollen. Mittlerweile ist bekannt, dass Andreas L. vor Jahren wegen Suizidalität in Behandlung war, doch auch damit ist die „Geschichte“ nicht verstanden. Suizide werden nur in einem Beziehungsgeflecht nachvollziehbar, schreibt Bliersbach, die Motive seien komplex und nicht einfach kausal zu erklären. Allen einfachen Erklärungsversuchen ist deshalb zu misstrauen.

Neben dem Copiloten rückte die Stadt Haltern in den Fokus der Berichterstattung, denn sechzehn Schüler sowie zwei Lehrerinnen des Joseph-König-Gymnasiums befanden sich an Bord des Fluges 4U-9525. Haltern wurde deshalb zu einer Chiffre für die Trauer über den Absturz. Mika Baumeister, der Schüler am Joseph-König-Gymnasium ist, schreibt auf seinem Blog darüber, wie manche Journalisten jegliche Scham verloren, um Bilder und Stimmen von trauernden Schülern einzufangen. So wurde Schülern für ein Interview Geld angeboten, selbst Schülern der unteren Klassen, die minderjährig sind. Absperrungen wurden von manchen Journalisten übergangen, indem sie verdeckt fotografierten. Und die Trauer der Angehörigen, der Schülerinnen und der Schüler wurde von einigen Journalisten in keiner Weise respektiert.

Der Journalist Ben Krischke pflichtet dem Vorsitzenden des bayerischen Journalistenverbandes bei, der schrieb, er schäme sich in diesen Tagen Journalist zu sein. Krischke hofft, dass sich journalistische Ethik doch wieder durchsetzt.

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