ESC 2015: Große Show, viel Politik und Deutschland ohne Punkte

Beim Finale des Eurovision Songcontest, das am vergangenen Samstag in Wien stattfand, gewann der Song „Heroes“, interpretiert vom Schweden Måns Zelmerlöw. Während der langwierigen Bekanntgabe der Voting-Ergebnisse aller teilnehmenden europäischen Staaten kristallisierten sich bald zwei Favoriten heraus: der schwedische und der russische Beitrag. Der deutsche und der österreichische Beitrag dagegen fanden sich am Ende des Teilnehmerfeldes wieder, beide Lieder konnten keinen einzigen Punkt gewinnen.

Am Ende stehen die Freude der Sieger und der – teilweise überraschend – oben Platzierten und die Enttäuschung der Verlierer. Und es folgen die Interpretationen, weshalb denn dieser Song so viele Stimmen gewinnen konnte, jener dagegen so wenige. Auf dem Blog des Magazins Prinz ist die Wertung für Ann Sophie, der deutschen Interpretin, genau aufgeschlüsselt. Demnach sei sie einige Male knapp an einem Punkt vorbeigeschrammt, vier elfte und vier zwölfte Plätze erlangte die deutsche Sängerin, was gerade nicht für einen Punktgewinn reichte, denn nur die besten zehn Platzierungen werden mit Punkten belohnt. Vor allem die Juroren, die die Lieder und Performances bewerten, straften Ann Sophie nicht ab, im Gegenteil, erreichte sie hier sogar einige gute Wertungen. Die Kombination der Zuschauervotings mit den Juryvotings jedoch ergab eben in keinem einzigen Land ein Platz unter den besten zehn – am Lied und an der Performance, so ist auf dem Prinz-Blog zu lesen, lag das aber nicht.

Dem widerspricht lobster53, der den deutschen Beitrag als allzu mittelmäßig beurteilt. Und er erinnert an den Beitrag „Paradies, wo bist du?“ von Ulla Wiesner aus dem Jahr 1965, genau vor 50 Jahren, der ebenfalls keinen einzigen Punkt erhalten hatte. „Schrott“, so seine harsche Bewertung.

Peter B. Heim dagegen mutmaßt, dass vielleicht die deutsche Sparpolitik der Grund sein könnte, weshalb der deutsche Beitrag – vor allem von den Zuschauerinnen und Zuschauern – abgestraft wurde. Dann würde das Musikalische gegenüber der Politik zurücktreten. Das Musikalische, so Heim, sei sowieso beim diesjährigen ESC in den Hintergrund gedrängt worden, das Visuelle, die Show, die Bilder hätten alles andere ausgestochen.

Im letzten Jahr gewann Conchita Wurst den Wettbewerb, was vielerorts als Signal für ein offenes, tolerantes Europa gewertet wurde. Die Politik spielte auch hier in den Songcontest hinein, woran Luise auf ihrem Blog erinnert. Jetzt sorgten vor allem die schlechte Platzierung des deutschen Beitrags und der zweite Platz von Polina Gagarina für Diskussionsstoff. Wie soll dieser zweite Platz des russischen Beitrags eingeordnet werden? Luise erkennt darin auch eine Kritik an Putins Politik. Was hätte ein erster Platz also bedeutet? Beide Interpretationen sind denkbar: Dass die Musik sich über die politischen Spannungen hinwegsetzt oder ein Triumph für „Russland“.

Im Vorfeld hatten jedenfalls verschiedene deutsche Medien aus politischen Motiven den russischen Beitrag diskreditiert. Der Journalist Guido Grandt zitiert beispielsweise aus dem Stern und der Süddeutschen Zeitung, um zu zeigen, wie gerade durch eine Verbindung des Liedes zur derzeitigen russischen Politik das Lied „A Million Voices“ als russische Propaganda erscheinen sollte. Ganz zu Unrecht, argumentiert Grandt. Die „Versöhnungshymne“ sei doch genau das, was die Menschen in Europa derzeit brauchen.

Die Gräben sind jedenfalls, das zeigt der Eurovision Songcontest, tief, sowohl zwischen den agierenden politischen Mächten als auch zwischen denen, die das politische Geschehen beobachten und bewerten. Und ironischerweise lässt sich dies gerade an einem Beitrag aus Russland über die gemeinsam singenden „Million Voices“ besonders deutlich ablesen.

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