Die Toten unter uns – Zur (Kunst-) Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“

Bisher blieben die Toten, die bei dem Versuch ums Leben kamen, das Mittelmeer auf der Flucht vor Krieg, Elend und Verfolgung zu überqueren, für die meisten Menschen in Deutschland immer weitestgehend abstrakt. Die ungefähren Opferzahlen sind bekannt. Auch kursieren in den Medien Bilder von gekenterten Booten oder von Toten, die in Leichensäcken oder Särgen liegen. Doch die toten Flüchtlinge sind für die Deutschen in der Regel weit weg, an den Grenzen der Europäischen Union, die manche als „Festung“ bezeichnen.

Das „Zentrum für politische Schönheit“, das in der Vergangenheit schon durch verschiedene spektakuläre (Kunst-) Aktionen auf sich und seine Anliegen aufmerksam gemacht hatte, versucht mit seiner neuen Aktion „Die Toten kommen“ diese Distanz aufzuheben und den Tod der Flüchtlinge für die Deutschen konkret(er) werden zu lassen. Die sterblichen Überreste von Geflüchteten, die in Italien oder Griechenland beerdigt wurden, werden laut Angaben des „Zentrums für politische Schönheit“ exhumiert und nach Deutschland befördert, um sie dort „würdevoll“ und angemessen zu beerdigen. Damit verbindet das „Zentrum für politische Schönheit“ zugleich eine Schuldzuweisung an Deutschland, das durch die Beförderung der militärischen Abschottung Europas für die Toten ganz ursächlich mitverantwortlich sei, sich dieser Verantwortung aber nicht stelle.

Die Beerdigung einer jungen syrischen Frau wurde bereits durchgeführt, weitere sollen folgen. Zudem soll mitten in Berlin, vor dem Kanzleramt, der Grundstein für eine „Gedenkstätte für die Opfer der militärischen Abriegelung Europas“ gelegt werden. Konzipiert ist die Gedenkstätte als ein Friedhof für viele weitere Opfer der europäischen Abschottungspolitik. Aida Baghernejad, die auf Mit Vergnügen über die Hintergründe und den Ablauf der ersten Beerdigung in Berlin schreibt, ist zwar relativ sicher, dass es zu dieser Grundsteinlegung wohl kaum kommen wird, dennoch findet sie die Aktion des „Zentrums für politische Schönheit“ wichtig, da sie den Finger in die offene Wunde lege und Aufmerksamkeit für die Sache erzeuge.

Auch Detlef Berentzen stellt sich auf dem Dr. Feelgood-Blog der taz hinter das Anliegen der Aktion „Die Toten kommen“ und das Vorgehen der Künstlergruppe. Manchmal helfe nur eine Provokation auf hohem Niveau, um wirkliche politische Reaktionen hervorzurufen.

Jörg Wellbrock ist auf dem Spiegelfechter der Meinung, dass die Aktion uns allen, die wir doch so gerne weg- oder nur ganz kurz hinschauen wollen, wenn es Leid und Elend zu sehen gibt, gelungen den Spiegel vorhalte. Nur allzu gerne wolle man all das lieber verdrängen und sich zerstreuen lassen, doch genau das sei angesichts der Toten im Mittelmeer menschenverachtend und pietätslos.

Don Alphonso ist das alles zu einfach und einseitig gedacht, wie er auf dem FAZ-Blog Stützen der Gesellschaft feststellt. Mit der Beerdigung der syrischen Frau sei es den Kunstaktivisten allzu leicht gefallen, sich in eine moralisch überlegene Position zu bringen. Wie hätte das Ganze bei der Beerdigung eines bei der Flucht ums Leben gekommenen Gaddafi-Anhängers ausgesehen, fragt Don Alphonso. An einer differenzierten Auseinandersetzung, an der Ausleuchtung von Grauzonen, bestehe kein wirkliches Interesse. An klaren Schuldzuweisungen aber schon. Und hier überschnitten sich die Strategien der Künstlergruppe sogar mit denen von Rechtsradikalen, die ähnlich simplifizierend und anklagend vorgehen würden, um ihren Anliegen Nachdruck zu verleihen.

Was auch immer man von der Aktion „Die Toten kommen“ halten mag, die weitere Diskussion über unseren Umgang mit Flüchtlingen hat sie in jedem Falle schon befördert.

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