Rettung für den Journalismus? Blendle startet in Deutschland

Dem Journalismus wurde schon längst eine Krise attestiert. Die Leserzahlen brechen ein und die Werbeeinnahmen weg: Guter Journalismus, so ist zu lesen, ist kaum noch finanzierbar. Vor mehr als einem Jahr starteten die Krautreporter mit dem ehrgeizigen Projekt, den Online-Journalismus zu retten. Durch Mitgliedsbeiträge sollte dauerhaft ein qualitativ hochwertiges Medium im Netz etabliert werden, dessen Inhalte frei zugänglich sein sollten. Das erste Jahr der Krautreporter endet nun, und das ursprüngliche Ziel, freien Journalismus im Netz auf eine solide finanzielle Basis zu stellen, konnten die Krautreporter offenbar nicht erreichen. Es wird nun voraussichtlich eine so genannte „Paywall“ eingerichtet, die es erschweren soll, die Texte zu lesen, wenn man nicht für die Krautreporter bezahlt. Volker König kritisiert diese geplante Maßnahme scharf und erklärt, damit würden die Krautreporter zu einem Online-Journalismus-Projekt unter vielen. Gerade die freie Verfügbarkeit hatte das Projekt zu etwas besonderem gemacht.

Bezahlmodelle für Journalismus im Internet waren bislang kaum finanziell erfolgreich umzusetzen. Es fehlte die Akzeptanz für einen einzelnen Text eine vergleichsweise hohe Summe auszugeben – oder gleich die ganze Zeitung erwerben zu müssen. Dies soll Blendle, das gerade in Deutschland startet, nun ändern. Bei Blendle hat der Leser Zugriff auf Texte der ZEIT, der FAZ, der Süddeutschen, dem Spiegel oder Cicero und zahlreicher weiterer namhafter Zeitungen, Zeitschriften und Magazine. Bezahlen muss man dabei nur, was man liest.

Stefan Niggemeier betont die große Chance, die Blendle biete. Die Seite stelle tatsächlich die Bedürfnisse des Lesers in den Mittelpunkt: Dazu zählt, dass man schnell lesenswerte Texte entdecke, aber auch das Startguthaben von 2,50 Euro, das den Einstieg erleichtert, sowie die Möglichkeit für einen Text bei Nichtgefallen das Geld zurückzubekommen. Als problematisch könnten sich allerdings die uneinheitlichen Online-Strategien der Medienhäuser und Zeitungen herausstellen. Wenn für manch einen Text bei Blendle ein Beitrag fällig werde, der wenige Tage später frei im Netz zu lesen sei, dann könnte sich der Kunde bei Blendle so fühlen, als gäbe er unnötigerweise Geld aus.

Auf dem Blog MediaPunk.org schreibt Konrad Fux ebenfalls über den vielversprechenden Start von Blendle in Deutschland. Mehrfach hat Fux das System bereits in der Beta-Phase ausgiebig getestet und kommt zu dem Schluss, dass es die Erwartungen erfüllt. Blendle eigne sich gut, um in Ruhe am Wochenende Reportagen, Nachrichten, Interviews etc. zu lesen. Das Spektrum der Zeitungen und Zeitschriften, die bereits mitmachten sei ebenfalls gut – allerdings gebe es hier noch Potenzial für Verbesserungen. Keine einzige österreichische Publikation sei im Angebot und auch bei Zeitschriften für kleine Zielgruppen sei das Angebot noch auszubauen.

Ein entscheidendes Kriterium für Blendle ist sicher die große Auswahl der unterschiedliche Medien. Benjamin O’Daniel sieht hier allerdings bereits einen Preiskampf, der sich abzeichne. Die Preise für einzelne Texte seien in einigen Fällen, so O’Daniel, sehr hoch. Die Titelgeschichte des Spiegel koste immerhin 1,99 Euro. Als Grund für diesen hohen Preis sieht O’Daniel die Angst des Spiegel das Hauptgeschäft, die Abonnements, mit Blendle zu kannibalisieren. Er rät dazu, die Preise zu reduzieren und so die Attraktivität der Plattform insgesamt zu steigern.

Insgesamt sind sehr viele begeisterte oder zumindest im Tenor überwiegend positive Artikel zu Blendle zu finden. Ralf-Dieter Brunowsky dagegen glaubt weder, dass Blendle in Deutschland erfolgreich sein wird, noch denkt er, dass dies überhaupt wünschenswert wäre. Das Preismodell kritisiert auch Brunowsky, gerade die Uneinheitlichkeit der Preisgestaltung, die Grundlage des Preiskampfes ist, sei ein Problem. Denn der Leser müsse ständig abwägen, ob der Text denn nun diesen bestimmten Betrag wert sei oder nicht. Eine einheitliche Preisgestaltung hätte dieses Problem umschifft. Außerdem, so Brunowskys Befürchtung, werde sich auf lange Sicht ein Journalismus durchsetzen, der sich möglichst gut verkaufen lasse. Journalismus, der nicht mit der Mehrheitsmeinung geht, oder Journalismus, der auf den ersten Blick langweilig wirke, lasse sich per Blendle schlecht vermarkten.

Der Anfang ist jedenfalls gemacht, ob Blendle erfolgreich wird und wohin dieser Erfolg Blendle und die Zeitungslandschaft in Deutschland führen wird, bleibt abzuwarten.

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