Roger Willemsen, die Ukraine und sehr viele Bücher in Leipzig: Die Buchmesse

Vom 13. März bis zum 16. März fand die Leipziger Buchmesse statt. 175.000 Besucher wurden gezählt – ein neuer Rekord – und mehr als 2000 Aussteller aus 43 Ländern. Das sorgte für ganz unterschiedliche Eindrücke. Saša Stanišić, der für seinen Roman Vor dem Fest mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, gilt einhellig als gute Wahl. Darüber hinaus sind die Eindrücke der Blogger jedoch ganz unterschiedlich gelagert. Denn der Besuch einer Buchmesse hat etwas Zufälliges. Jeder Blogger interessiert sich für etwas anderes, sieht etwas anderes.

Buzz Aldrin zeigt ihre Eindrücke in eigenwillig getönten Bildern. Es sind Bilder von Verlegerinnen, Zuhörern und Buchrücken. Das Buch auf einer Buchmesse ist zunächst ein Gegenstand zum Ansehen und Anfassen. Das Leseerlebnis wird hier nur versprochen.

Bersarin zeigt auf seinem Blog Aisthesis ebenfalls Bilder von der Buchmesse, aber kein Buch ist zu sehen. Stattdessen Bilder von Plüschfiguren oder eine Aufnahme leerer Stuhlreihen. Die Kameras sind aufgestellt, die Sitze der Stühle mit Broschüren bedeckt: Die Lesung wird erwartet; die Buchmesse handelt vom Lesen, aber gelesen wird dort nicht. Die Buchmesse findet vor dem Lesen statt.

In seinem Essay, der sich um die Bilder legt, spricht Bersarin von einer Laudatio Roger Willemsens: Das Buch brauche seine Kritiker. Der Kritik, richtig verstanden, so Bersarin, gehe es dabei nicht um ein ‚Aburteilen‘ oder um ein Lösen des Rätsels. Auch nicht um ein persönliches Leseerlebnis. Dabei darf die Kritik jedenfalls nicht stehenbleiben. Sondern der Literaturkritiker, der abwägt, der einen Blick für die Ästhetik des Textes hat, schreibe sich ‚an der Literatur entlang‘. Er weise auf die Rätsel, auf die Unbestimmtheiten des Textes hin. Das ist ein hoher Anspruch an die Literaturkritik und auch an die Literatur. Das ist auf einer Buchmesse kaum zu erfüllen, oder allenfalls kann das ein Roger Willemsen in seiner Rede. So ist es konsequent, dass Bersarin über Literatur kaum spricht, solange er über die Buchmesse schreibt, und die Bücher in seinen Bildern nicht zeigt.

Der Programmschwerpunkt „tranzyt“, der im Forum OstSüdOst zu Hause ist, widmete sich der Literatur aus Polen, Weißrussland und der Ukraine. Und hier besonders musste die Literatur immer wieder zurücktreten, wie Eva Schneider auf litaffin ausführt. Das Thema Ukraine ist aktuell geworden, doch bestimmt die politische Sicht den Blick. Die Bücher, die in Leipzig das Thema sein sollen, geraten hier an den Rand. Sie werden wieder zum Medium, sie vermitteln möglicherweise Einsichten, sie schaffen Verständnis oder stellen Fragen.

Und die Autoren wirken in die Politik hinein. Autoren, Journalisten, Studenten hätten die Protestbewegung in der Ukraine initiiert. Die Texte selbst sind im Moment des Protests zweitrangig. „Protestbewegungen“ hieß eine Veranstaltung im Forum OstSüdOst, womit die Buchmesse gezielt die politische Situation in den Vordergrund rückte.

Das Buch muss warten. Wenn die Buchmesse zu Ende ist, beginnt das Lesen.

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