Wie bauen? Stationen in Berlin, Venedig und Höxter

Berliner Stadtschloss

“Berliner Stadtschloss” von Pirapakar Kathirgamalingam

Der öffentliche Raum wird schnell zu einem Streitthema: Wie soll man bauen? Wie soll man mit den alten Häusern und den alten Stadtstrukturen – überhaupt mit der Tradition – umgehen? Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses steht Vielen symbolisch für eine verkehrte Baukultur in Deutschland. Die Pläne, die nun umgesetzt werden, standen von Anfang an in der Kritik – und sie werden noch immer scharf kritisiert. In Berlin wird das Schloss in weiten Teilen rekonstruiert, doch es sind vor allem Fassaden, die dort an den Originalbau erinnern sollen. Das neue „Schloss“, das in Berlin entsteht, spiegelt den prunkvollen Barock vor: Es ist aber weder eine richtige Rekonstruktion, die den alten Entwurf bis in die Details ernst nähme, noch ist es ein mutiger Neu-Entwurf.

Genova nennt das Stadtschloss kurzum eine Katastrophe. Er wirft einen wütenden Blick auf gerade entstehende Gebäude in Deutschland. Es entstehen zum Beispiel in Neubauvierteln Häuser, die eine Bautradition nur vortäuschen. In der Massenfabrikation werden Elemente, wie Sprossenfenster, hergestellt, die nur noch einen billigen Ersatz für eine verlorengegangene Tradition bieten. Der Bezug zum Material spielt keine Rolle mehr und ebenso wenig bauliche Notwendigkeiten. Es sind allein scheinbare Rückgriffe auf etwas, das aussieht wie „damals“.

Dabei sieht Genova im Osten Deutschlands das Problem noch verstärkt, da in der DDR mutwillig Traditionen, gerade Bautraditionen, abgeschnitten wurden. Diego Castro versucht, parallel dazu, die westdeutsche Ästhetik zu bestimmen. Er kommt dabei teilweise zu ganz ähnlichen Schlüssen. Auch er greift die aktuellen Rekonstruktionen an, bei denen möglichst schnell und billig, historische Gebäude wiedererstehen sollen. Von schlampigen und banalen Surrogaten schreibt Diego Castro. Es werde eine idealisierte Vergangenheit nachgebaut, die es nie gab, und die zudem – ironischerweise – schlecht ausgeführt ist. Im Osten Deutschlands seien nach 1989 zwar zahlreiche historische Innenstädte gerettet worden, doch das Erbe der ostdeutschen Baukultur wurde nach und nach ausgelöscht und durch westdeutsche Industriestandards ersetzt. Hier zeige sich das Problem mit ganzer Schärfe.

Geht es auch anders? Am 28. Juni fand in Deutschland der Tag der Architektur statt. Der Architektourist zeigt verschiedene Bauten und Bauprojekte, die ganz anders mit der Tradition umgehen. So ist eine Haus-in-Haus-Lösung zu sehen: Ein Gemeindehaus wurde dabei in das Seitenschiff einer Kirche hineingebaut. Auf diese Weise entstanden neue Nutzungsmöglichkeiten, ohne den historischen Kirchenbau von außen zu beeinträchtigen. Und es ist auch ästhetisch keine banale Lösung oder gar ein Täuschungsversuch: Das Haus im Haus ist ein roter, gar nicht historisierender Baukörper.

Auch die Architektur-Biennale in Venedig widmet sich der Frage nach der Tradition und der Moderne. Rem Kohlhaas hat gezielt die Frage nach der Vergangenheit, die Frage nach der Bautradition in den Mittelpunkt gestellt. Auf Unterwegs in Venedig findet sich ein kleiner Bericht. Kohlhaas versuche unter dem Stichwort „Elements“ die einzelnen Elemente des Bauens in ihrer geschichtlichen Entwicklung zu zeigen, wie zum Beispiel Türklinken. Doch es bleibe leider bei zusammengewürfelten Einzelteilen. Eine Idee des Ganzen erschließe sich nicht in der Zusammenschau der sehr vielen Elemente. Welches Konzept vermittelt sich, wenn man 300 Türklinken gesehen habe? Wie sind die unterschiedlichen Teile zu bewerten? In Erinnerung blieben allein Details, keine übergeordnete Idee.

Auch Sabine Schneider ist kritisch mit diesen „Fundamenten“, die Kohlhaas identifizieren wolle: Es fehle der Bezug zu der jeweiligen Kultur. Indem die Elemente abstrahiert dargestellt werden, scheint gerade der wichtigste Aspekt verloren zu gehen. Wer hat die Türklinken benutzt? Wo ist der kulturelle Zusammenhang? Doch das hier wiedergegebene Problem ist auf der Biennale deutlich zu sehen: Wie gehen die Länder mit ihrem kulturellen Erbe um? Vierzig italienische Architekten, die Kohlhaas ausgewählt hat, beschäftigen sich mit dieser Frage. Gerade Italien ist reich an historischen Gebäuden, besitzt eine ungeheure Menge an Kunstschätzen. Der Blick der Architekten ist dabei ernüchternd. Verfallende moderne Betonbauten werden dort gezeigt oder ein Architekt gesteht seine Irrtümer ein, wenn er die Ruine einer Wohnsiedlung zeigt. Sie wurde gebaut, als auf Sardinien ein G8-Gipfel geplant wurde. Doch der fand dann dort gar nicht statt, und so zerfallen nun die Gebäude – ohne dass darüber diskutiert oder die Fehler öffentlich besprochen worden seien.

Ortswechsel: Im ostwestfälischen Höxter freut sich die Museumsleiterin des Kulturkreises Höxter-Corvey, dass das Westwerk und die ehemalige Klosterstadt Corvey nun zum Weltkulturerbe zählen. Die Ostwestfalen erinnern an die Geschichte des Klosters, das von Karl dem Großen gegründet wurde. Vor allem das Westwerk der Klosterkirche, das heißt, der bauliche Abschluss der Kirche nach Westen, gilt als herausragend, da sich aus der karolingischen Zeit kaum vergleichbares erhalten habe. Dieser gewaltige einmalige Bau sei unbedingt zu bewahren.

Corvey wird sicherlich touristisch bedeutsamer werden als es bislang war. Die Menge der Besucher solcher historischer Gebäude weist darauf hin, dass die Bautradition sehr wohl wahrgenommen und geschätzt wird – allerdings, so der Befund der Kritiker, scheinen viele Bauherren daraus die falschen Schlüsse zu ziehen, wenn eine ideale Vergangenheit nur so billig wie möglich zitiert werden soll.

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