Kino und Politik: Das Filmfestival in Venedig

Vom Kino erwartet man zurzeit, da anscheinend permanent von politischen Krisen berichtet wird, dass es auf diese Krisen reagiere. Das Kino soll politisch sein. Das Filmfestival in Venedig entspricht dieser Erwartung in mehrfacher Hinsicht. Politische Filme laufen im Festivalprogramm, und das Festival selbst nimmt ebenfalls auf die Politik Bezug.

Zwei unbesetzte Stühle waren in Venedig zu sehen, auf welche die Jury des Filmfestivals ausdrücklich hinwies. Der ukrainische Regisseur Oleg Sentsov ist in Russland in Haft und auch die iranische Regisseurin Mahnaz Mohammadi wurde festgenommen. In einem Blog der FAZ folgt Diemtar Dath der Frage, inwieweit die Politik in das Kino und in das Filmfestival von Venedig hineinspiele. Dath denkt über die Widersprüche nach, die entstehen, wenn die Politik in das Kino und in das gesamte Festival hineingetragen wird. Die Jury ehrt mit den beiden leeren Stühlen Menschen, die in ihren Ländern sehr viel riskieren. Doch die Ehrung in Venedig ist mit keinem Risiko verbunden. Es bleibt ein Unterschied, ließe sich sagen, ob ein Film Politik zeigt oder selbst politisch wird.

Oder eben beides, je nachdem, wo darüber diskutiert wird, so wie bei „The Cut“ von Fatih Akin, der in Deutschland mit großen Erwartungen verbunden ist, und der im Wettbewerb um den Goldenen Löwen läuft. „The Cut“ handelt von einem Armenier in der Zeit um den Ersten Weltkrieg. Weil im Film der Völkermord an den Armeniern thematisiert wird, hatten nationalistische Kreise in der Türkei gegen Akins Werk demonstriert. In der Türkei ist dieser Völkermord ein brisantes Thema, das mit einem Tabu belegt ist. Brigitte Häring bespricht den eindrucksvollen Film, der vor allem durch seine Bilder besteche. Sie vermisst allerdings die Wucht und Unmittelbarkeit der früheren Filme von Akin.

Ebenfalls politisch ist „The Look of Silence“ von Joshua Oppenheimer. 2013 wurde Oppenheimers „The Act of Killing“ mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Der Dokumentarfilm handelt von brutalen Massakern in Indonesien in den 1960er Jahren. In „The Look of Silence“ kehrt Oppenheimer nach Indonesien und zu seinem Thema der Massaker zurück. Diesmal allerdings zeigt er nicht allein die Täter, sondern konfrontiert sie mit den Nachfahren der ermordeten Opfer. Rüdiger Suchsland schreibt in dem Blog Negativ über den Film, in dem kaum vorstellbare Grausamkeiten berichtet werden. Der Film sei mühsam und zäh, so Suchsland, und doch sei er besser als sein Vorgänger. „The Look of Silence“ arbeite an der schwierigen Bewältigung des Terrors in Indonesien, was den Film bereits auszeichne.

An „Im Keller“ von Ulrich Seidl findet Suchsland dagegen viel auszusetzen. Der Film zeigt Menschen in ihren eigenen Kellern. Da sind dann Nazi-Devotionalien zu sehen, Hirschgeweihe, und SM-Gerätschaften. Suchsland stört das Gemachte dieser vorgeblichen Dokumentation. Der Film bediene den Voyeurismus, schon der Titel „Im Keller“ erinnere an Natascha Kampusch. Auch Brigitte Häring findet die Gemachtheit des Films verstörend. Die Personen lassen sich in ihren Kellern vom Regisseur inszenieren, wie in einem Spielfilm. Sie starren lange in die Kamera oder erzählen emotionslos von ihren Neigungen.

Seidls Film ist in einem engen Sinne nicht politisch, sondern eher zivilisationskritisch. Aber wie die anderen genannten Filme weist er auf die Widersprüche hin, die entstehen, wenn der Film sich der Wirklichkeit stellt. In Oppenheimers Film seien mehrfach Sätze zu hören gewesen, die die Vorbesprechung der einzelnen Szenen deutlich machen, wenn der Regisseur von den gefilmten Menschen angesprochen wird. Und in Akins Film sorgt gerade die historische Realität, nicht die künstlerischen Mittel, für Aufsehen. Politik und Kino: In Venedig wird ein aufregendes Feld bespielt.

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