Computerspiele im Feuilleton? Über Thomas Böhms „New Level“

Computerspiele kommen noch immer kaum in den Feuilletons der großen Zeitungen oder im Kulturteil wichtiger Zeitschriften vor und ebenso wenig im öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Dieser Bereich der Kultur findet – von einigen Ausnahmen abgesehen – in einer Parallelwelt statt. Bücher, Filme, Theaterstücke sind selbstverständlich in allen Kulturnachrichten zu Hause, aber schon seit langem auch die Popmusik. Computerspiele allerdings verirren sich nur äußerst selten in den Kulturteil einer Zeitung.

Thomas Böhm, der Programmleiter des internationalen Literaturfestivals Berlin, überschreitet nun mit dem Buch „New Level. Computerspiele und Literatur“ eine Grenze. Der Band, den er als Herausgeber verantwortet, fragt nach dem Zusammenhang und den Unterschieden von Literatur und Computerspielen. So skizzieren beispielsweise bekannte Autoren, wie Saša Stanišić oder Georg Klein, eine Computerspielidee. Oder es wird theoretisch die Möglichkeit bzw. die Unmöglichkeit erwogen, Literatur zu lesen.

Das Buch ist schon vor rund zwei Monaten erschienen, es dauerte allerdings eine Weile bis ihm Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Jetzt hat Sebastian Standke das Buch auf Superlevel besprochen. Er beginnt seine Besprechung mit dem allgegenwärtigen Wertungsunterschied: Shakespeare gehöre nun mal ins kulturelle Gedächtnis, nicht Allan Alcorn, der Erfinder des Spieleklassikers „Pong“. „New Level“ ist auch so anziehend, weil der Herausgeber, Thomas Böhm, eben in der Literaturszene bekannt ist. Das Thema Computerspiel ist damit hochkulturell geadelt. Die Unterschiede bestehen also für die Autoren nicht zuerst im Niveau (hochwertig vs. minderwertig), sondern in der Form des „Erzählens“, die eben im Spiel tendenziell Freiheiten besitzt, die Handeln ermöglichen. Die Nacherzählung eines Spiels entziehe dem Plot gerade wieder diese Handlungsoption, mache das Spiel wieder statisch. Dieser Unterschied liegt auf der Hand, und lässt dann wiederum die Annäherung verschiedener Autoren an eine Spielidee so reizvoll erscheinen.

Christian Huberts, der selbst einen Beitrag zu dem Buch beigesteuert hat, leitet verschiedene Fragen aus den Aufsätzen und Essays ab: Wo sind die Unterschiede zwischen einer literarischen Fiktion und einer Computerspiel-Dramaturgie? Lassen sich literarische Stoffe in Spiele überführen? Literatur sei nur ein Element von Computerspielen, so Huberts, ebenso müsse an Performance-Künste oder Architektur gedacht werden. Computerspiele seien in der Lage ganz verschiedene Künste zu integrieren, und sie sind dennoch etwas ganz anderes als Verlängerungen dieser Künste in ein anderes Medium, da sie eben spielbar sind.

Computerspiele könnten jedenfalls, so Christoph Deeg, das Leitmedium des 21. Jahrhunderts werden. Es sei zwar noch ein weiter Weg bis dorthin, doch eröffneten Spiele schon jetzt neue Formen der Vermittlung von Kultur und Wissen. Computerspiele werden längst von verschiedenen Institutionen oder Unternehmen zu ihren Zwecken eingesetzt. Zumeist allerdings werden Computerspiele nur sehr begrenzt genutzt, um Interesse für etwas ganz anderes zu wecken, wie es im Marketing üblich ist. So führen nun manche Büchereien Computerspielecken ein, allein mit dem Ziel, Interesse für Bücher zu wecken. Verschenktes Potenzial, sagt Martin Lorber auf dem Blog für digitale Spielkultur des Computerspieleherstellers EA.

Computerspiele und Kultur: Die Debatte ist noch nicht in Fahrt gekommen. Ob Monika Grütters, die Staatsministerin für Kultur und Medien, daran etwas ändern wird, bleibt abzuwarten. Martin Lorber hebt hervor, dass sie prominente Vertreter der Branche getroffen habe, um sich über kulturpolitische Aspekte auszutauschen. Allein dieser Umstand ist immerhin ein Signal.

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