Agiert Wladimir Putin wie Adolf Hitler?

Schon wieder ein Hitler-Vergleich. Dieses Mal aus sehr prominentem Munde. Der Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble sprach an diesem Montag vor einer Gruppe von Schülern in Berlin. Im Zuge dieser Veranstaltung verglich Schäuble das Vorgehen (und die dazugehörigen Begründungen) Wladimir Putins im Zuge des Konflikts mit der Ukraine, mit demjenigen Adolf Hitlers im Sudetenland im Vorfeld des Zweiten Weltkriegs. Wenn man von westlicher Seite die Ukraine nun nicht unterstütze und vor dem drohenden wirtschaftlichen und finanziellen Kollaps bewahre, könnten die Russen ein möglicherweise eintretendes ukrainisches Chaos zum Vorwand nehmen, um in die Ukraine einzumarschieren. Das kenne man alles aus der Geschichte, so Schäuble. Diese Ausführungen machten in den Medien schnell die Runde und riefen einige Empörung hervor. Viele hochrangige Politiker, wie etwa Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier, distanzierten sich inzwischen von dem von Schäuble angestellten Vergleich.

Mit merklich sarkastischem Unterton beschreibt Arno Klönne auf der Seite Telepolis den didaktischen und pädagogischen Aufbau der Geschichtsstunde Schäubles. Diese lasse für (historische) Differenzierungen wenig Raum und stelle vor allem auf das Lernziel ab, dass Putin, wie eben auch Hitler, ein „größenwahnsinniger Tyrann“ sei, den man nicht gewähren lassen dürfe, auch wenn die hierfür nötige Unterstützung der Ukraine Deutschland und Europa etwas kosten sollte.  

Besonders perfide findet Jörg Wellbrock auf der Seite Der Spiegelfechter die Wortwahl Schäubles, die den Schülern den Eindruck vermittle, es handle sich bei Hitlers Vorgehen im Sudetenland gar nicht um eine genuin deutsche – und damit unsere – Geschichte, sondern um eine solche, mit der wir nicht mehr viel (oder gar: nichts) zu tun hätten. Mit der Entscheidung von der statt von unserer Geschichte zu sprechen, distanziere Schäuble Deutschland von dessen verbrecherischer, nationalsozialistischer Vergangenheit.

Die große Aufregung ob der Äußerungen Schäubles kann und will kielspratineurope auf seinem Blog nicht so recht verstehen. Er hält sie für einen typisch deutschen Reflex, der in diesem Zusammenhang aber wenig hilfreich erscheint. Die Parallelen zwischen Putins Agieren im Zuge der Krimkrise und dem Nazideutschlands im Sudetenland lägen doch eigentlich auf der Hand. Der Vergleich Schäubles sei legitim, da er der Öffentlichkeit die derzeitige dramatische Lage angemessen vor Augen führe. Die Deutschen seien heute doch genügend historisch sensibilisiert und aufgeklärt, um mit einem solchen Vergleich angemessen umgehen zu können.

Auch auf der Seite The American Interest folgt man Schäubles genereller argumentativer Stoßrichtung und registriert viele Gemeinsamkeiten zwischen dem Vorgehen Putins und Hitlers. Wenn man feststelle, dass Putin ähnliche taktische und strategische Mittel wie Hitler einsetze, bedeute das freilich nicht, dass Putin gleich ein neuer Hitler sei. Doch man solle sich durchaus vor Augen führen, dass Putin darauf abziele, die derzeit herrschende Weltordnung in ihren Grundannahmen und etablierten Strukturen zu erschüttern und auch zu Fall zu bringen. Nun solle zwar nicht gleich ein Krieg gegen Russland in Erwägung gezogen werden, doch wäre es ein folgenschwerer Fehler, wenn die USA und Europa die russische Feindseligkeit (bzw. den russischen Feind), nicht angemessen ins Visier nehmen würde.

Wie auch immer der Vergleich von Schäuble nun ganz genau gemeint gewesen sein mag, zur semantisch-rhetorischen Deeskalation der derzeitigen Lage – zu der ja viele aufrufen – hat er ganz offensichtlich nicht beigetragen.

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