Erste Eindrücke von der Berlinale: Sebastian Schippers „Victoria“

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“Die Berlinale” von Pirapakar Kathirgamalingam

Der rote Teppich liegt wieder in Berlin. Vom 5. bis zum 15. Februar findet die Berlinale statt und die Liste der Filme und Stars, die gesehen werden wollen, ist lang. Ein Überblick ist da gar nicht zu gewinnen, aber an einigen Stellen verdichten sich die Kommentare, es entsteht dann eine Diskussion um einen Film, die über einen einzelnen Festivaltag hinausweist.

„Victoria“ von Sebastian Schipper ist so ein Film, der auf eine außergewöhnliche Weise gedreht wurde und der deshalb zu allgemeinen Fragen über die Filmästhetik anregt. Schipper stellt mit seinem Film einen Weltrekord auf: Der Film ist ein einziger 140 Minuten langer Take. Auf einem Blog der taz zeigt sich Christian Ihle von dem Film stark beeindruckt. Dass eine Einstellung, die 140 Minuten dauert, für die Darsteller, den Regisseur, den Kameramann und die Logistik eine große Herausforderung bedeutet, ist leicht nachzuvollziehen. Aber was gewinnt der Film dadurch?

Ihle schreibt, durch diesen Trick, einen einzigen Take zu zeigen, gewinne der Film an „Echtheit“. Die Geschichte einer Nacht, eines Einbruchs und seiner Folgen wirken „echt“. Es entstehe eine Dichte und Nähe, die wohl nur durch diesen drehtechnischen Kniff zu erreichen sei. Das bedeutet dann für die erste Hälfte des Films, dass der Zuschauer Geduld brauche, denn es geschehe zunächst wenig. In der zweiten Hälfte dagegen werde es hektisch, die Ereignisse überschlagen sich. Genau das, so Ihle, dieses Zuwenig und Zuviel, erzeuge die „Echtheit“.

Günter H. Jekubzik sieht das anders. Für ihn ist der Film etwa eine halbe Stunde zu lang, womit er vor allem den gemächlichen Anfang des Filmes meint. Die zweite Hälfte des Films sei packend und der „Weltrekordversuch“ stehe nicht mehr im Vordergrund. Denn das ist selbstverständlich das Problem eines Films, der sich so stark über ein „Alleinstellungsmerkmal“ ins Gespräch bringt. Der Weltrekord könnte sich in den Vordergrund und damit die Geschichte des Films in den Hintergrund drängen. Jekubzik findet diese Idee durchaus originell, doch hätte der Film besser sein können, wäre er geschnitten worden.

Dem widerspricht Lukas Stern auf critic.de, der zunächst einräumt, dass das Dreh-Konzept von „Victoria“ skeptisch machen könnte. Aber der Film bläst seine eigene Besonderheit nicht auf, stellt nicht zur Schau, wie aufwendig er geplant und produziert wurde, sondern versucht diese speziellen Voraussetzungen in Intensität umzusetzen. Der Film suggeriere eine Instabilität, als könnte er, einmal gesehen, nicht noch einmal im Kino von vorne beginnen. Es transportiere sich ein Gefühl des Ausgeliefertseins, so wie die Schauspielerinnen und Schauspieler diesem einen Take ausgeliefert sind – und ein Fehler das gesamte Gebilde zerstören könnte. So erkenne der Zuschauer, dass er ausgeliefert ist, da nichts außerhalb dieses Stroms gezeigt wird, keine Perspektive angeboten wird, die Halt verspräche.

Die Kritiken versuchen allesamt die Ästhetik des Films von Sebastian Schipper zu erfassen. Und damit entsteht tatsächlich eine Diskussion um einen Film. Der Filmkritik wurde ja, ähnlich wie der Literaturkritik, eine Krise attestiert. Die „Woche der Kritik“, die nun erstmalig auf der Berlinale stattfindet, soll auf diese Krise reagieren. Teresa Vena stellt auf Berliner-Filmfestivals.de fest, dass es zwar eine überaus wünschenswerte Initiative sei, dass allerdings die erste Diskussion noch keine Impulse setzen konnte. Die Diskussion um den Film „On the Job“ erschöpfte sich dann darin, festzustellen, dass der Film nichts Neues zu bieten habe. – Soweit sei das Publikum auch direkt nach dem Film gewesen, äußert Vena etwas frustriert.

Es scheint allerdings ein Bedürfnis zu geben, sich über die Kritik zu verständigen. Sowohl im literarischen Bereich gibt es hier offenkundig Gesprächsbedarf als auch beim Film. Und angesichts der Fülle der Filme, die Aufmerksamkeit beanspruchen wollen, kommt einer fundierten Kritik ja auch eine bedeutende Rolle zu.

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