Niedergang der Literaturkritik? Eine aktuelle Debatte

Der Verleger des unabhängigen Verbrecher-Verlags, Jörg Sundermeier, hat eine Debatte über die Qualität der Literaturkritik angestoßen. Im „Sonntagsgespräch“ mit dem BuchMarkt äußerte er seinen Unmut darüber, wie derzeit Literaturkritik betrieben werde. Es fehle vor allem an „Haltung“, stattdessen sei alles nur noch bloße „Meinung“. Zahlreichen Besprechungen läge mittlerweile bloß ein Querlesen zugrunde. Und das werde in den Redaktionen toleriert, man wisse davon. Eingehende Kenntnisse, intensive Lektüren, fundierte Kritik: Das sei kaum noch anzutreffen.

Diese Kritik an der Literaturkritik wird heftig diskutiert. Hat Sundermeier Recht? Ist die Literaturkritik am Ende? Jan Drees hat in seinem Blog zahlreiche Reaktionen auf Sundermeiers Aussagen, zum Beispiel aus den Sozialen Netzwerken, zusammengetragen. Erstaunlich Viele stimmen dessen Aussagen zu. Die Kritik an Sundermeier zielt vor allem auf sein allzu pauschales Urteil: Wer seien denn die Literaturkritiker, die ihrer Aufgabe so schlecht nachgingen? Und warum stellt Sundermeier sich so dar, als sei er allein mit seinen Ansichten über die Literaturkritik und die Branche?

Leander Sukov unterstützt Sundermeier, er treibt dessen Kritik sogar noch weiter. Er sieht ebenfalls das Problem, dass es kaum „unbestechliche“ Kritik gebe, die auf Werten fußt. Das zielt in die gleiche Richtung wie Sundermeiers Klage über fehlende Haltung. Sukov schreibt weiter, es gebe deutlich mehr gute Literatur als es gut Kritiker gebe. Dann müsste der Literaturkritik tatsächlich ein Versagen attestiert werden, wenn lesenswerte Literatur nicht in den Feuilletons auftauche, gar nicht auftauchen könne, weil die Kritiker fehlen, die diese Literatur angemessen würdigen könnten. Er schließt mit dem Hinweis auf die Besprechungen von „Fifty Shades of Grey“, das in den Feuilletons vieler großer Zeitungen ausführlich rezensiert wurde. Genau hier könne die mangelnde Qualität der Literaturkritik klar gesehen werden, da hier ein offenbar literarisch zweifelhaftes Werk die Debatten beherrschte.

Die Klage vom Niedergang der Literaturkritik passe, nach Thomas Brasch, ins Bild vom allgemein diagnostizierten Niedergang der Bildung. Sundermeier hatte auch angesprochen, dass „Intellektualität“ immer mehr wie ein schlechtes Etikett sei. Intellektualität sei gar nicht mehr gefragt. „Kulturpessimismus“, nennt dagegen Brasch die Kritik Sundermeiers und die zahlreichen beipflichtenden Kommentare.

Brasch stellt den Literaturkritikern aus den Feuilletons die Kritiker aus den Blogs beiseite. Selbst wenn vielleicht die Zahl der Literaturbesprechungen in den Zeitungen abnehme, sei die gesamte Menge der Literaturbesprechungen doch in den letzten Jahren massiv gestiegen. Das Beispiel „Houellebecq“ zeige zudem, wie vielfältig die Gattung der Rezension sei und wie zahlreich die Besprechungen, darunter auch eingehende Besprechungen. Die Verlage hätten außerdem längst zahlreiche Möglichkeiten, den Austausch mit den Leserinnen und Lesern zu suchen, diese Möglichkeiten seien so gut wie nie. Das Lamento über die schlechte Literaturkritik verzerre die Realität.

Brasch stellt in seinem Beitrag darüber hinaus den Begriff der Haltung infrage. Auch mit Haltung: Bleibt das literaturkritische Urteil nicht subjektiv? Über die Frage, inwieweit Literaturkritik „Meinung“ sei und was es mit dem „Subjektiven“ auf sich habe, geht Bersarin auf seinem Blog AISTHESIS nach. Die Literaturkritik sei durchaus in der Lage über die Meinung hinauszukommen. Das Kunstwerk, also der Text, müsste so behandelt werden, dass mehr als Meinung entstünde. Das bedeute, den Text selbst zu analysieren und nicht gleich in eine Meinung auszuweichen. In einem intersubjektiven Raum, so erläutert Bersarin mit Rückgriff auf Immanuel Kant, könne über ein Kunstwerk so gesprochen werden, dass am Ende mehr übrigbliebe als das bloß Subjektive. Der literarische Salon steht am Anfang dieser Entwicklung einer intersubjektiv verstandenen Kunstkritik. Allerdings liegt bereits hier die Gefahr für die Literaturkritik: Wenn der Intersubjektivität, dem Austausch über die ästhetische Erfahrung, so viel zugemutet wird, kann es eben geschehen, dass es fast beliebig scheint, über was eigentlich gesprochen wird, über (emphatisch verstandene) Kunst oder über beliebige (schöne) Erzeugnisse der Industrie.

Eine überraschende Parallele zu Sundermeiers Kritik findet sich in den Äußerungen Frédéric Jaegers, dem Geschäftsführer des Verbandes der deutschen Filmkritik. Auch er sagte in diesen Tagen in einem Interview auf dem Blog GETIDAN: „Filmkritik ist eine Haltung.“ Die Situation der Filmkritik in Deutschland ist sicherlich nur eingeschränkt mit der Situation der Literaturkritik vergleichbar. Aber auch Jaeger fordert die Kritik auf, sich mit sich selbst auseinanderzusetzen. Die Filmkritik, so Jaeger, solle sich stärker einmischen. Eine Kritikerwoche, die nun beginnt und sich auf zehn Filme konzentriert, solle dazu beitragen, sich überhaupt darüber klar zu werden, welches Kino wir haben.

Hier, so scheint es, könnten durchaus Gespräche über die Medien hinweg, von Kino zu Literatur, weiterhelfen, um besser zu verstehen, was Kunstkritik überhaupt leisten soll und welchen Ort und welche Bedingungen sie dafür braucht.

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